1、Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? Immanuel Kant: Gesammelte Schriften, Band 8 Seite 035 von 503 01 Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst 02 verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, 03 sich seines Verstandes ohne Leitung eines a
2、nderen zu bedienen. Selbstverschuldet 04 ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am 05 Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Muthes liegt, 06 sich seiner ohne Leitung eines andern zu bedienen. sapere aude! habe 07 Muth dich deines eigenen Verstandes zu
3、 bedienen! Ist also der Wahlspruch 08 der Aufklärung. 09 Faulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum ein so großer Theil 10 der Menschen, nachdem sie die Natur längst von fremder Leitung frei gesprochen 11 ( naturaliter maiorennes ), dennoch gerne zeitlebens unmündig 12 bleiben
4、 und warum es Anderen so leicht wird, sich zu deren Vormündern 13 aufzuwerfen. Es ist so bequem, unmündig zu sein. Habe ich ein Buch, 14 das für mich Verstand hat, einen Seelsorger, der für mich Gewissen hat, 15 einen Arzt, der für mich die Diät beurtheilt, etc., so brauche ich mich mich
5、 16 ja nicht selbst zu bemühen. Ich habe nicht nöthig zu denken, wenn ich nur 17 bezahlen kann; andere werden das verdrießliche Geschäft schon für mich 18 übernehmen. Daß der bei weitem größte Theil der Menschen (darunter 19 das ganze schöne Geschlecht) den Schritt zur Mündigkeit, außer de
6、m da 20 er beschwerlich ist, auch für sehr gefährlich halte: dafür sorgen schon jene 21 Vormünder, die die Oberaufsicht über sie gütigst auf sich genommen haben. 22 Nachdem sie ihr Hausvieh zuerst dumm gemacht haben und sorgfältig verhüteten, 23 daß diese ruhigen Geschöpfe ja keinen Schr
7、itt außer dem Gängelwagen, 24 darin sie sie einsperrten, wagen durften, so zeigen sie ihnen nachher 25 die Gefahr, die ihnen droht, wenn sie es versuchen allein zu gehen. 26 Nun ist diese Gefahr zwar eben so groß nicht, denn sie würden durch Seite 036 von 503 01 einigemal Fall
8、en wohl endlich gehen lernen; allein ein Beispiel von der 02 Art macht doch schüchtern und schreckt gemeiniglich von allen ferneren 03 Versuchen ab. 04 Es ist also für jeden einzelnen Menschen schwer, sich aus der ihm 05 beinahe zur Natur gewordenen Unmündigkeit herauszuarbeiten. Er
9、hat 06 sie sogar lieb gewonnen und ist vor der Hand wirklich unfähig, sich seines 07 eigenen Verstandes zu bedienen, weil man ihn niemals den Versuch davon 08 machen ließ. Satzungen und Formeln, diese mechanischen Werkzeuge eines 09 vernünftigen Gebrauchs oder vielmehr Mißbrauchs seiner
10、Naturgaben, 10 sind die Fußschellen einer immerwährenden Unmündigkeit. Wer sie auch 11 abwürfe, würde dennoch auch über den schmalsten Graben einen nur unsicheren 12 Sprung thun, weil er zu dergleichen freier Bewegung nicht gewöhnt 13 ist. Daher giebt es nur Wenige, denen es gelungen ist
11、 durch eigene 14 Bearbeitung ihres Geistes sich aus der Unmündigkeit heraus zu wickeln 15 und dennoch einen sicheren Gang zu thun. 16 Daß aber ein Publicum sich selbst aufkläre, ist eher möglich; ja es 17 ist, wenn man ihm nur Freiheit läßt, beinahe unausbleiblich. Denn da 18 wer
12、den sich immer einige Selbstdenkende sogar unter den eingesetzten Vormündern 19 des großen Haufens finden, welche, nachdem sie das Joch der 20 Unmündigkeit selbst abgeworfen haben, den Geist einer vernünftigen 21 Schätzung des eigenen Werths und des Berufs jedes Menschen selbst zu 22 den
13、ken um sich verbreiten werden. Besonders ist hiebei: daß das Publicum, 23 welches zuvor von ihnen unter dieses Joch gebracht worden, sie 24 hernach selbst zwingt darunter zu bleiben, wenn es von einigen seiner 25 Vormünder, die selbst aller Aufklärung unfähig sind, dazu aufgewiegelt 26 w
14、orden; so schädlich ist es Vorurtheile zu pflanzen, weil sie sich zuletzt an 27 denen selbst rächen, die oder deren Vorgänger ihre Urheber gewesen sind. 28 Daher kann ein Publicum nur langsam zur Aufklärung gelangen. Durch 29 eine Revolution wird vielleicht wohl ein Abfall von persönlichem
15、Despotism 30 und gewinnsüchtiger oder herrschsüchtiger Bedrückung, aber niemals wahre 31 Reform der Denkungsart zu Stande kommen; sondern neue Vorurtheile 32 werden eben sowohl als die alten zum Leitbande des gedankenlosen großen 33 Haufens dienen. 34 Zu dieser Aufklärung aber wir
16、d nichts erfordert als Freiheit; und 35 zwar die unschädlichste unter allem, was nur Freiheit heißen mag, nämlich 36 die: von seiner Vernunft in allen Stücken öffentlichen Gebrauch zu 37 machen. Nun höre ich aber von allen Seiten rufen: räsonnirt nicht! Seite 037 von 503 01 De
17、r Offizier sagt: räsonnirt nicht, sondern exercirt! Der Finanzrath: 02 räsonnirt nicht, sondern bezahlt! Der Geistliche: räsonnirt nicht, sondern 03 glaubt! (Nur ein einziger Herr in der Welt sagt: räsonnirt, so viel ihr 04 wollt, und worüber ihr wollt; aber gehorcht!) Hier ist überall Eins
18、chränkung 05 der Freiheit. Welche Einschränkung aber ist der Aufklärung 06 hinderlich? Welche nicht, sondern ihr wohl gar beförderlich? - Ich antworte: 07 der öffentliche Gebrauch seiner Vernunft muß jederzeit frei sein, 08 und der allein kann Aufklärung unter Menschen zu Stande bringen;
19、 der 09 Privatgebrauch derselben aber darf öfters sehr enge eingeschränkt sein, 10 ohne doch darum den Fortschritt der Aufklärung sonderlich zu hindern. 11 Ich verstehe aber unter dem öffentlichen Gebrauche seiner eigenen Vernunft 12 denjenigen, den jemand als Gelehrter von ihr vor dem g
20、anzen Publicum 13 der Leserwelt macht. Den Privatgebrauch nenne ich denjenigen, 14 den er in einem gewissen ihm anvertrauten bürgerlichen Posten oder 15 Amte von seiner Vernunft machen darf. Nun ist zu manchen Geschäften, 16 die in das Interesse des gemeinen Wesens laufen, ein gewisser M
21、echanism 17 nothwendig, vermittels dessen einige Glieder des gemeinen Wesens sich 18 bloß passiv verhalten müssen, um durch eine künstliche Einhelligkeit von 19 der Regierung zu öffentlichen Zwecken gerichtet, oder wenigstens von der 20 Zerstörung dieser Zwecke abgehalten zu werden. Hier
22、 ist es nun freilich 21 nicht erlaubt, zu räsonniren; sondern man muß gehorchen. So fern 22 sich aber dieser Theil der Maschine zugleich als Glied eines ganzen gemeinen 23 Wesens, ja sogar der Weltbürgergesellschaft ansieht, mithin in der 24 Qualität eines Gelehrten, der sich an ein Publ
23、icum im eigentlichen Verstande 25 durch Schriften wendet: kann er allerdings räsonniren, ohne da 26 dadurch die Geschäfte leiden, zu denen er zum Theile als passives Glied 27 angesetzt ist. So würde es sehr verderblich sein, wenn ein Offizier, dem 28 von seinen Oberen etwas anbefohlen wi
24、rd, im Dienste über die Zweckmäßigkeit 29 oder Nützlichkeit dieses Befehls laut vernünfteln wollte; er mu 30 gehorchen. Es kann ihm aber billigermaßen nicht verwehrt werden, als 31 Gelehrter über die Fehler im Kriegesdienste Anmerkungen zu machen und 32 diese seinem Publicum zur Beurthei
25、lung vorzulegen. Der Bürger kann 33 sich nicht weigern, die ihm auferlegten Abgaben zu leisten; sogar kann ein 34 vorwitziger Tadel solcher Auflagen, wenn sie von ihm geleistet werden sollen, 35 als ein Skandal (das allgemeine Widersetzlichkeiten veranlassen könnte) 36 bestraft werden. E
26、ben derselbe handelt demungeachtet der Pflicht eines 37 Bürgers nicht entgegen, wenn er als Gelehrter wider die Unschicklichkeit Seite 038 von 503 01 oder auch Ungerechtigkeit solcher Ausschreibungen öffentlich seine Gedanken 02 äußert. Eben so ist ein Geistlicher verbunden, sein
27、en Katechismusschülern 03 und seiner Gemeine nach dem Symbol der Kirche, der er dient, seinen 04 Vortrag zu thun; denn er ist auf diese Bedingung angenommen worden. 05 Aber als Gelehrter hat er volle Freiheit, ja sogar den Beruf dazu, alle 06 seine sorgfältig geprüften und wohlmeinenden
28、Gedanken über das Fehlerhafte 07 in jenem Symbol und Vorschläge wegen besserer Einrichtung des 08 Religions= und Kirchenwesens dem Publicum mitzutheilen. Es ist hiebei 09 auch nichts, was dem Gewissen zur Last gelegt werden könnte. Denn was 10 er zu Folge seines Amts als Geschäftträger d
29、er Kirche lehrt, das stellt er 11 als etwas vor, in Ansehung dessen er nicht freie Gewalt hat nach eigenem 12 Gutdünken zu lehren, sondern das er nach Vorschrift und im Namen eines 13 andern vorzutragen angestellt ist. Er wird sagen: unsere Kirche lehrt dieses 14 oder jenes; das sind die
30、 Beweisgründe, deren sie sich bedient. Er zieht 15 alsdann allen praktischen Nutzen für seine Gemeinde aus Satzungen, die er 16 selbst nicht mit voller Überzeugung unterschreiben würde, zu deren Vortrag 17 er sich gleichwohl anheischig machen kann, weil es doch nicht ganz unmöglich 18 is
31、t, daß darin Wahrheit verborgen läge, auf alle Fälle aber wenigstens 19 doch nichts der innern Religion Widersprechendes darin angetroffen wird. 20 Denn glaubte er das letztere darin zu finden, so würde er sein Amt mit 21 Gewissen nicht verwalten können; er müßte es niederlegen. Der Gebrauc
32、h 22 also, den ein angestellter Lehrer von seiner Vernunft vor seiner Gemeinde 23 macht, ist bloß ein Privatgebrauch: weil diese immer nur eine häusliche, 24 obzwar noch so große Versammlung ist; und in Ansehung dessen ist er als 25 Priester nicht frei und darf es auch nicht sein, weil e
33、r einen fremden Auftrag 26 ausrichtet. Dagegen als Gelehrter, der durch Schriften zum eigentlichen 27 Publicum, nämlich der Welt, spricht, mithin der Geistliche im öffentlichen 28 Gebrauche seiner Vernunft genießt einer uneingeschränkten Freiheit, sich 29 seiner eigenen Vernunft zu bedie
34、nen und in seiner eigenen Person zu sprechen. 30 Denn daß die Vormünder des Volks (in geistlichen Dingen) selbst wieder 31 unmündig sein sollen, ist eine Ungereimtheit, die auf Verewigung der Ungereimtheiten 32 hinausläuft. 33 Aber sollte nicht eine Gesellschaft von Geistlichen, etwa
35、 eine Kirchenversammlung, 34 oder eine ehrwürdige Classis (wie sie sich unter den Holländern 35 selbst nennt), berechtigt sein, sich eidlich unter einander auf ein gewisses 36 unveränderliches Symbol zu verpflichten, um so eine unaufhörliche Obervormundschaft 37 über jedes ihrer Glieder
36、und vermittels ihrer über das Seite 039 von 503 01 Volk zu führen und diese sogar zu verewigen? Ich sage: das ist ganz unmöglich. 02 Ein solcher Contract, der auf immer alle weitere Aufklärung 03 vom Menschengeschlechte abzuhalten geschlossen würde, ist schlechterdings 04 null
37、 und nichtig; und sollte er auch durch die oberste Gewalt, durch Reichstage 05 und die feierlichsten Friedensschlüsse bestätigt sein. Ein Zeitalter 06 kann sich nicht verbünden und darauf verschwören, das folgende in einen 07 Zustand zu setzen, darin es ihm unmöglich werden muß, seine (vorn
38、ehmlich 08 so sehr angelegentliche) Erkenntnisse zu erweitern, von Irrthümern 09 zu reinigen und überhaupt in der Aufklärung weiter zu schreiten. Das 10 wäre ein Verbrechen wider die menschliche Natur, deren ursprüngliche Bestimmung 11 gerade in diesem Fortschreiten besteht; und die Nach
39、kommen 12 sind also vollkommen dazu berechtigt, jene Beschlüsse, als unbefugter und 13 frevelhafter Weise genommen, zu verwerfen. Der Probirstein alles dessen, 14 was über ein Volk als Gesetz beschlossen werden kann, liegt in der Frage: 15 ob ein Volk sich selbst wohl ein solches Gesetz
40、auferlegen könnte. Nun wäre 16 dieses wohl gleichsam in der Erwartung eines bessern auf eine bestimmte 17 kurze Zeit möglich, um eine gewisse Ordnung einzuführen: indem man es 18 zugleich jedem der Bürger, vornehmlich dem Geistlichen frei ließe, in der 19 Qualität eines Gelehrten öffentl
41、ich, d. i. durch Schriften, über das Fehlerhafte 20 der dermaligen Einrichtung seine Anmerkungen zu machen, indessen 21 die eingeführte Ordnung noch immer fortdauerte, bis die Einsicht in die Beschaffenheit 22 dieser Sachen öffentlich so weit gekommen und bewährt worden, 23 daß sie durch
42、 Vereinigung ihrer Stimmen (wenn gleich nicht aller) einen 24 Vorschlag vor den Thron bringen könnte, um diejenigen Gemeinden in 25 Schutz zu nehmen, die sich etwa nach ihren Begriffen der besseren Einsicht 26 zu einer veränderten Religionseinrichtung geeinigt hätten, ohne doch diejenigen
43、 27 zu hindern, die es beim Alten wollten bewenden lassen. Aber auf 28 eine beharrliche, von niemanden öffentlich zu bezweifelnde Religionsverfassung 29 auch nur binnen der Lebensdauer eines Menschen sich zu einigen 30 und dadurch einen Zeitraum in dem Fortgange der Menschheit zur Verbesse
44、rung 31 gleichsam zu vernichten und fruchtlos, dadurch aber wohl gar der 32 Nachkommenschaft nachtheilig zu machen, ist schlechterdings unerlaubt. Ein 33 Mensch kann zwar für seine Person und auch alsdann nur auf einige Zeit 34 in dem, was ihm zu wissen obliegt, die Aufklärung aufschiebe
45、n; aber auf 35 sie Verzicht zu thun, es sei für seine Person, mehr aber noch für die Nachkommenschaft, 36 heißt die heiligen Rechte der Menschheit verletzen und mit 37 Füßen treten. Was aber nicht einmal ein Volk über sich selbst beschließen Seite 040 von 503 01 darf, das darf
46、 noch weniger ein Monarch über das Volk beschließen; denn 02 sein gesetzgebendes Ansehen beruht eben darauf, daß er den gesammten 03 Volkswillen in dem seinigen vereinigt. Wenn er nur darauf sieht, da 04 alle wahre oder vermeinte Verbesserung mit der bürgerlichen Ordnung 05 zusammen best
47、ehe: so kann er seine Unterthanen übrigens nur selbst 06 machen lassen, was sie um ihres Seelenheils willen zu thun nöthig finden; 07 das geht ihn nichts an, wohl aber zu verhüten, daß nicht einer den andern 08 gewaltthätig hindere, an der Bestimmung und Beförderung desselben nach 09 all
48、em seinem Vermögen zu arbeiten. Es thut selbst seiner Majestät Abbruch, 10 wenn er sich hierin mischt, indem er die Schriften, wodurch seine 11 Unterthanen ihre Einsichten ins Reine zu bringen suchen, seiner Regierungsaufsicht 12 würdigt, sowohl wenn er dieses aus eigener höchsten Einsicht
49、thut, 13 wo er sich dem Vorwurfe aussetzt: Caesar non est supra grammaticos, 14 als auch und noch weit mehr, wenn er seine oberste Gewalt so weit erniedrigt, 15 den geistlichen Despotism einiger Tyrannen in seinem Staate 16 gegen seine übrigen Unterthanen zu unterstützen. 17 Wenn
50、denn nun gefragt wird: leben wir jetzt in einem aufgeklärten 18 Zeitalter? So ist die Antwort: nein, aber wohl in einem Zeitalter der 19 Aufklärung. Daß die Menschen, wie die Sachen jetzt stehen, im Ganzen 20 genommen, schon im Stande wären, oder darin auch nur gesetzt werden 21 könnten,






